Viele Pflanzen sind echte Schlafmützen.Neujahr ist vorüber, die letzte Rakete gezündet. Nur auf der Fensterbank steht noch der Glücksklee (Oxalis tetraphylla). Er soll das neue Jahr in rechte Bahnen lenken. Ob er das wirklich tut, bleibt abzuwarten. Währenddessen lässt sich an ihm schon mal ein verblüffendes Phänomen studieren: Der Glücksklee geht nämlich schlafen - zumindest sieht das für uns so aus. Sobald es dunkel wird, klappt der Klee seine Blättchen zusammen wie ein kleiner Schirm. Schlafbewegung oder Nastien nennen Fachleute die Reaktion auf das Dunkelwerden, die Carl von Linné vor mehr als 250 Jahren als erster beschrieb. Am nächsten Morgen wird das Schirmchen wieder aufgespannt. Die Bewegung geschieht mit Hilfe von kleinen Gelenken, die als winzige Verdickungen am Grunde jedes Blättchens sitzen. Allabendlich schwillt ihre Oberseite kurzfristig an, wird dadurch ein wenig länger und senkt so das Blatt. Am nächsten Morgen wird der Zellsaft in die Unterseite des Gelenks gepumpt und das Blatt streckt sich wieder. Blüten, die sich abends zusammenlegen wie die des Schlafmützchens (Eschscholzia), schützen damit die empfindlichen Staubgefäße und Stempel. Bei den Blättern ist die Lage weniger klar. Charles Darwin meinte, auch sie schützen sich vor Auskühlung. Wenn man weiß, dass Wiesen in klaren Herbst- oder Frühjahrsnächten besonders stark Wärme abstrahlen und als erste von Raureif überzogen sind, spricht einiges dafür. Vielleicht weichen die Blättchen aber auch nächtlichem Tau aus, der von den hängenden Blättern abtropft und Pilzerkrankungen fördert. Was auch immer der Grund ist, der Wechsel zwischen Schlaf- und Tagesstellung hat offenbar Vorteile, denn der Glücksklee steht nicht allein damit. Am heimischen Sauerklee (Oxalis acetosella) im Wald lässt sich das beobachten, auf der nächstbesten Wiese am Wiesenklee (Trifolium pratense), aber auch an vielen anderen Arten, die mit Klee überhaupt nichts zu tun haben. Junge Paprikapflanzen, wie die Zierpaprika, deren grüne, gelbe und zum Schluss rote Früchte im Herbst reifen, neigen ihre noch zarten Triebe jeden Abend zu Boden. Manchmal hängen sie dann fast dramatisch, so als würde ihnen Wasser fehlen. Wer sie anfasst, spürt aber deutlich feste Stängel und Blätter. Bei Trockenheit wären sie schlaff und weich. Jetzt zu gießen ist also unnötig. Es kann sogar gefährlich werden, wenn das "arme Pflänzchen" jeden Abend Wasser bekommt, das es gar nicht verbrauchen kann. Unter den Zimmerpflanzen zeigt die "Sleeping Beauty" Schlafbewegungen. Hinter der vergleichsweise neuen Topfpflanze steckt der tropische Chikrassy-Baum (Chukrassia tabularis), der ausgewachsen unter anderem Holz für Parkettfußböden liefert. Da seine großen gefiederten Blätter exotische Üppigkeit ausstrahlen, entstand die Idee, junge Exemplare als dekoratives Element für den Innenraum anzubieten. Anders als der Klee faltet er seine Blätter nicht zu Schirmchen zusammen. Die Fiederblättchen klappen einfach nach unten und hängen scheinbar schlaff in zwei Reihen nebeneinander. So ähnlich reagiert auch der Schlafbaum (Albizia julibrissin). Bei ihm ist die Schlafbewegung besonders auffällig, weil seine doppelt gefiederten Blätter sich gleich zweimal zusammenlegen. Eigentlich gilt er mit seinen filigranen Blättern und den fedrigen weiß-rosa Blütenständen in Deutschland als Kübelpflanze. Dank zunehmend milder Winter findet er aber immer häufiger ausgepflanzt im Garten seinen Wach- und Schlafplatz. Einige Pflanzen ziehen sogar doppelten Nutzen aus ihren beweglichen Blättern oder Trieben. Die Mimose beispielsweise, die mit etwas Glück auch im Zimmer oder im warmen Wintergarten gedeiht, hebt und senkt ihre Blätter nicht nur täglich. Viel bekannter ist ihr schlagartiges Zusammenklappen. Schon seit Jahrhunderten hat diese Reaktion die Menschen in Staunen versetzt. Als "Antipathie" und "Widerwärtigkeit" gegen den Menschen wurde die Berührungsempfindlichkeit vor 350 Jahren interpretiert. Aber sie reagiert genauso auf Erschütterungen, und vielleicht lassen sich sogar Fressfeinde von der jähen Bewegung abschrecken. Bei ihr bewegen sich drei verschiedene Gelenke nacheinander: Am Grunde der Fiederblättchen, am Grunde der vier Blattfinger und am Ende des Blattstiels. Jedes Gelenk bewegt sich in eine andere Richtung. Die Fiederblättchen klappen nach oben. Die Blattfinger schieben sich fast waagerecht zusammen. Der Blattstiel senkt sich. Noch seltsamer benehmen sich die Bohne und die Indische Telegrafenpflanze (Desmodium motorium). Beide besitzen neben dem deutlichen Tag-Nachtrhythmus einen zweiten Bewegungsrhythmus. Die Bohne bewegt sich zusätzlich im Stundentakt. Die Telegrafenpflanze wedelt im Minutentakt mit kleinen Nebenblättchen. Früher meinten die Menschen, die Pflanze sende damit Botschaften für ihre Artgenossen aus, was ihr den Namen Telegrafenpflanze eintrug. Der zweite Rhythmus hängt offenbar mit der Temperatur zusammen, denn Wärme verkürzt ihn, Kälte verlangsamt ihn. Vielleicht vollführt die Pflanze damit eine Pumpbewegung, die den Transport von Mineralstoffen beschleunigt. Aber sicher ist das nicht. Die scheinbar so eindeutige Welt der Pflanzen birgt nach wie vor ungelöste Rätsel. Quelle: dpa
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