Ursachen des Stotterns sind komplex Für Andreas Weise aus Neu-Anspach im Taunus ist es "eine saublöde Behinderung". Seit seiner frühen Kindheit stottert der heute 45-Jährige. Das Vorlesen in der Schule war für ihn eine schweißtreibende Tortur, und wenn er auf der Straße nach dem Weg gefragt wurde, schüttelte er stets den Kopf. "Wenn man wie in einer solchen Situation schnell reagieren muss, ist das Stottern am schlimmsten", sagt der Zahntechniker, der vor allem mit Wörtern, die mit "A" beginnen, zu kämpfen hatte. "In Deutschland glauben viele noch, dass Stottern psychisch bedingt ist. Aber das stimmt nicht", erzählt die Leiterin der Abteilung Pädaudiologie an der Frankfurter Universitätsklinik, Prof. Katrin Neumann, anlässlich des Welttages der Stotterns an diesem Montag. Die Pädaudiologie beschäftigt sich unter anderem mit Hörstörungen im Kindesalter. Die Ursachen des Stotterns sind komplex und liegen in strukturellen Schwächen in Teilen des Gehirns. So fand die Frankfurter Universitätsklinik in einem Forschungsverbund mit der Universität Kassel heraus, dass bei Stotterern während des Redens bestimmte Regionen in der rechten Hirnhälfte aktiver sind als in den Sprachregionen der linken Hirnhälfte. "Stottern ist Chaos im Gehirn", beschreibt Andreas Weise das Gefühl, wenn die Worte nicht über die Lippen wollen. Wie bei vielen Menschen hatte sein Stottern im Alter von etwa drei Jahren begonnen. Doch während sich die Sprachstörung bei etwa 70 bis 80 Prozent der Kinder von alleine wieder gibt, stotterte er auch noch bei seiner Einschulung. "Stotternde Kinder müssen unbedingt vor der Schule behandelt werden", sagt Wissenschaftlerin Neumann. Denn spätestens in der Schule stehen die Kinder unter einem starken Druck, etwa beim Vokabeln aufsagen oder beim Vorlesen. Prof. Neumann kritisiert, dass die meisten in Deutschland angewandten Therapieformen keine nachweisbaren Effekte hätten. Sie empfiehlt Kindern die sogenannte Lidcombe-Therapie, bei der die Eltern zu Mittherapeuten ausgebildet werden. Einen erwachsenen Stotterer erfolgreich zu behandeln, ist ihrer Meinung nach sehr schwierig. Daran ändert sich auch nichts, wenn sie - wie viele Stotterer - unter bestimmten Umständen flüssig reden können. So zum Beispiel, wenn sie Gedichte aufsagen, in einer fremden Sprache reden oder sich die Nase zuhalten. Sobald sie normal sprechen, ist das Stottern wieder da. "Erwachsene können aber Sprachtechniken lernen, so dass sie das Stottern nicht mehr zu fürchten brauchen", sagt sie. Andreas Weise hat das Stottern mit der so genannten Del-Ferro-Methode besiegt, die unter anderem auf das Training des Zwerchfells setzt. Heute redet er meist flüssig, als geheilt betrachtet er sich aber nicht. "Ein Restrisiko bleibt immer", sagt er. Quelle: dpa
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